Oasenwandel
 
Die natürlichen Oasen haben Jahrhunderte, in einigen Fällen sicherlich schon Jahrtausende hindurch der Wüste widerstanden. Die begrenzte Arbeitskraft der Oasenbauern hielt die Entnahme von Grundwasser und dessen Erneuerung durch Niederschläge weitgehend im Gleichgewicht. Das ändert sich nun beängstigend: Eine Vielzahl artesischer Brunnen und die Motorpumpen der neuen Oasen holen so viel Wasser aus den Speichergesteinen, dass der Grundwasserspiegel bedenklich sinkt und damit alten Oasen vielerorts bereits die Lebensgrundlage entzogen wird. In vielen Gegenden der Sahara gilt die Faustregel: Ein qm grosstechnisch bewässerter Wüstenboden lässt einen qm traditionell bewirtschafteter Oasenfläche vertrocknen.

Doch diese Tatsache stört die „Bauherren“ wenig. Sie argumentieren: „Die alten Oasen, die auf eine Balance des Grundwasserspiegels angewiesen sind, stellen insgesamt gesehen einen nur geringen Teil der theoretisch durch moderne Methoden nutzbaren Fläche dar“. Die Folgen des Absinkens des Grundwasserspiegels und damit die Existenz dieser Gebiete könnte deshalb vernachlässigt werden. Es ist abzusehen, dass den neuen Oasen nur eine kurze Lebensdauer bleibt – aber auch das stört die Planer nicht.

Das Haupthindernis, das neben dem Mangel an Menschen der Sahara die Erschliessung von Neuland verunmöglichen, ist nach wie vor die begrenzte Nutzbarkeit des fossilen Grundwassers – und dessen hoher Salzgehalt.

Selbst neue Oasen können nur kurze Zeit florieren wenn man die unterirdische Bewässerung erheblich intensiviert. Der technische Aufwand dafür begrenzt derartige Projekte. Ausserdem stehen gar nicht genug Arbeitskräfte zur Verfügung, um neue Oasen zu bewirtschaften. Wenn die Bewohner aus den alten Oasen fortgehen, dann wollen sie, angelockt von mehr Komfort, in die Städte ziehen oder auf den Erdölfeldern arbeiten. Sie geben damit die Sicherheit auf, die ihnen die Erfahrung der Vergangenheit garantiert und tauschen dafür eine ungewisse Zukunft ein.

Neue landwirtschaftliche Projekte sollten in der Sahara auf jene Gebiete beschränkt bleiben, in denen auch heute noch das Grundwasser durch ausreichende Niederschläge aufgefüllt wird, etwa südlich des Atlas oder in der Nähe anderer Gebirge. Die erfolgreichen Oasenstädte im Tale des Mzab in der algerischen Sahara sind ein Beweis solcher Vernunft. Obwohl diese jahrhundertealten Siedlungen inmitten trockener Wüste liegen, werden hier Zehntausende von Menschen bis heute ausreichend mit Wasser versorgt: durch unterirdische Wasserströme (Foggaras), die im regenreichen Atlasgebirge entspringen und weit in die Sahara eindringen. Die moderne Bewässerungstechnologie sollte lediglich dazu genutzt werden, die Substanz der alten, bewährten Oasenkulturen zu erhalten und die Lebensqualität ihrer Bewohner zu erhöhen. Ansonsten werden die traditionellen Oasen nicht mehr lange existieren.